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Andacht 29.03.2017

29.03.2017 | von Thomas Lobitz

zettberlin | photocase.de

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Sei nicht allzu gerecht ... damit du dich nicht zugrunde richtest. Prediger 7,16

Die Novelle Michael Kohlhaas des Schriftstellers Hein­rich von Kleist ist eine beliebte Schullektüre. Sie er­zählt die Geschichte eines Mannes, dem ein (kleines) Unrecht widerfahren war. Weil ihm Gerichte eine Wiedergutmachung verweigerten, griff er zur Selbst­justiz und zog in seinem Streben nach Genugtuung eine Schneise aus Tod und Zerstörung nach sich.

Ganz anders reagierte im vergangenen Jahr die Auschwitz-Überlebende Eva Mozes Kor, die dort ihre Eltern verloren hatte. Sie geriet als Kind zusammen mit ihrer Zwillingsschwester in die Fänge des KZ-Arztes Josef Mengele, der beide für seine berüchtigten Experimente missbrauchte. Beim Prozess gegen den ehemaligen SS-Angehörigen Oskar Gröning, der in Auschwitz Dienst tat, wandte sie sich an den (reuigen) Angeklagten und bot ihm ihre Hand als Geste der Ver­gebung an. In ihrem Herzen habe sie ihren Peinigern bereits lange vergeben, sagte sie.

Mich erinnert das an den obigen Rat des Predigers Salomo. Eva Mozes Kor erkannte, dass „ausgleichen­de“ Gerechtigkeit („Auge um Auge“) hier (wie in vielen anderen Fällen) nicht möglich war. Was müsste denn passieren, damit in ihrem Fall eine „Genugtuung“ ein­treten kann? Das mag man sich nicht vorstellen.

Vergeben heißt verzichten und gewinnen. Indem sie dem Täter vergab, verzichtete sie auf ihr Recht, den Schuldigen für seine Taten büßen zu lassen. Stattdessen schlug sie vor, dass Oskar Gröning Schulkindern von den Zuständen im KZ Auschwitz erzählen solle, damit sie gegenüber neonazistischen Tendenzen sen­sibilisiert werden. Gleichzeitig gewann sie etwas: Sie wurde „geheilt“ (wie sie es ausdrückte) - weil sie sich durch Vergebung von ihren schrecklichen Erfahrun­gen im KZ lösen konnte. Sie verlor ihre Opferrolle und gewann innere Freiheit. „Ich bin kein Opfer mehr - sondern eine Überlebende“, sagte sie und empfahl ihr Tun zur Nachahmung. Dabei war ihr bewusst, dass Vergebung nicht Versöhnung bedeutet, denn dazu gehören immer beide Seiten.

Michael Kohlhaas’ Suche nach Gerechtigkeit ende­te tragisch: Zwar erhielt er Schadensersatz, musste aber wegen Landfriedensbruch auf das Schafott. Statt den ersehnten inneren Frieden durch Ausgleich ernte­te er den Tod. Daher warnt uns Salomo zu Recht vor einer Übertreibung des grundsätzlich sinnvollen Prinzips der Gerechtigkeit.

© Advent-Verlag Lüneburg - mit freundlicher Genehmigung

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