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Bosnien und Herzegowina 20 Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton

26.11.2015 11:23 | APD | von Zentralredaktion

News des Adventistischen Pressedienstes

Journalistische Gesprächsrunde mit ADRA und Islamic Relief

Köln, 26.11.2015/APD   Dreieinhalb Jahre nach dem Krieg in Bosnien und Herzegowina wurde am 21. November 1995 unter Vermittlung der USA mit Beteiligung der Europäischen Union in der Wright-Patterson Air Force Base bei Dayton (Ohio) der Friedensvertrag paraphiert und am 14. Dezember 1995 in Paris unterzeichnet. 20 Jahre später befassten sich die Hilfsorganisationen ADRA Deutschland und Islamic Relief Deutschland in einer Gesprächsrunde mit ihrem Engagement in dieser Region. Im Oktober 2015 führte Islamic Relief eine Journalistenreise nach Bosnien und Herzegowina durch. Medienvertreter, die an der Reise teilgenommen hatten, kamen ebenfalls zu Wort, um über ihre Eindrücke zu berichten.

Hilfe nur durch strikte Neutralität und Transparenz

Hartmut Wilfert, ehemaliger Pressesprecher der Adventistischen Entwicklungs- und Katastrophenhilfe ADRA Deutschland, berichtete, dass 1992 nach Ausbruch des Krieges in Bosnien und Herzegowina immer weniger Hilfsorganisationen Zugang zum Kriegsgebiet gehabt hätten. Sie wären beschuldigt worden, nur die jeweils andere Seite zu unterstützen. Das Geheimnis der Weiterarbeit von ADRA „lag an unserer strikten Neutralität und Transparenz“. Das Hilfswerk stehe notleidenden Menschen unabhängig von ihrer politischen und religiösen Anschauung oder ihrer ethnischen Herkunft bei. Wilfert habe den Kriegsparteien zu verstehen gegeben: „Wird der Zugang zu den Bedürftigen der anderen Seite verweigert, wird auch die ADRA-Unterstützung für die eigenen Bedürftigen eingestellt.“ So hätten im Verlauf des Krieges im ehemaligen Jugoslawien ADRA-Organisationen aus 18 Ländern über 600.000 Lebensmittelpakete im Gesamtwert von über 30 Millionen D-Mark nach Bosnien und Herzegowina sowie nach Kroatien und Serbien gebracht. Dazu seien viele Tonnen Babynahrung, medizinischer Bedarf einschließlich Geräten sowie Kleidung und Schuhe gekommen.

Gefährliche Herausforderung: Das belagerte Sarajevo

Sarajevo wäre in diesen Zahlen nicht berücksichtigt. Die belagerte Stadt sei durch die Scharfschützen eine gefährliche Herausforderung gewesen, erinnert sich Wilfert. ADRA habe bis Ende 1995 2,5 Millionen Tonnen Nahrungsmittel, 254.000 Tonnen Kleidung, 16.000 Paar Schuhe und rund 511.000 Nahrungsmittelpakete von privaten Spendern in die umkämpfte Stadt gebracht. Gleichzeitig seien über 3.400 Pakete und 1.164.600 Briefe durch ADRA aus Sarajevo befördert sowie rund 1,7 Millionen Briefe in die eingeschlossene Stadt gebracht und zugestellt worden. Etwa 50.000 Menschen hätten Medikamente oder medizinische Versorgung durch das adventistische Hilfswerk erhalten. Sehr schmerzlich wäre der Tod von zwei Mitarbeitenden bei ihrem Einsatz in Bosnien-Herzegowina gewesen. Fünf weitere seien zum Teil schwer verletzt worden. ADRA habe 1992 mit Hilfstransporten für Sarajevo, die Bedürftigen aller ethnischen Gruppen zugutekamen, begonnen. Ein Großteil der Spenden sei aus Deutschland gekommen.

Menschen sind auch noch 20 Jahre nach dem Krieg traumatisiert

Die Diplom-Psychologin Semsa Ahmetspahic, Leiterin des Projekts von Islamic Relief Bosnien und Herzegowina „Pass it forward“, gab zu bedenken, dass der Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 zu insgesamt 258.000 Toten und Vermissten geführt habe. „Ganze Orte wurden ausgelöscht, tausende Menschen waren auf der Flucht.“ Am 11. Juli 2015 ereignete sich eine Grausamkeit in Bosnien, die bis heute im Land tiefe Wunden hinterlassen habe. Serbische Einheiten töteten im bosnischen Srebrenica rund 8.000 muslimische Jungen und Männer. Das Massaker gelte als das schlimmste Verbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Völkermord von Srebrenica beeinflusse auch 20 Jahre danach noch das Leben in Bosnien. Die Menschen hätten nach wie vor mit den Folgen des Krieges zu kämpfen.

Islamic Relief habe seit Beginn des Krieges 1992 in Bosnien gearbeitet und zahlreiche Projekte durchgeführt, so Semsa Ahmetspahic. Allein während des Krieges wären über 7.000 Tonnen Hilfsgüter durch Islamic Relief an die Menschen vor Ort verteilt worden. Die Organisation habe mitgeholfen die zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen und unterstütze die Bevölkerung auch jetzt noch durch zinslose Mikrokredite, damit Menschen ihre Selbständigkeit wiedererlangen und der Armut entkommen. Ein Büro in Sarajevo mit 15 Mitarbeitenden koordiniere die Arbeit. Es gebe auch ein Projekt zur Unterstützung von Waisenkindern. Neben finanzieller Hilfe würden sie Maßnahmen zur Traumabewältigung und Förderung im Bildungsbereich erhalten. Dafür würden allein in diesem Jahr 1,4 Millionen Euro aufgewendet.

Ganze Generationen traumatisiert

Das Projekt „Pass it forward“ (Gib es weiter) wende sich vor allem an Frauen und Kinder. Die Eltern litten auch 20 Jahre nach dem Krieg an den schrecklichen Erlebnissen, was sich auch auf ihre Kinder auswirke. Ziel des Projektes sei es, die geistige Gesundheit der bosnischen Gesellschaft insgesamt zu steigern, indem etwa 400 Begünstigte psychosoziale Hilfe und Unterstützung erhielten. „Die Behandelten sollen dazu befähigt werden, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen und die Hilfe, die ihnen zuteilwird, an Menschen in ihrer Umgebung weiterzugeben“, erläuterte Semsa Ahmetspahic. Sie gab zu bedenken, dass schon während des Zweiten Weltkriegs die Großeltern in Bosnien durch die Grausamkeiten der serbisch-nationalen Tschetniks traumatisiert worden seien. Mehr als 100.000 Muslime wären damals dem Terror zum Opfer gefallen. Unter diesem Trauma hätten auch ihre Kinder gelitten, die dann selbst wieder im Bosnienkrieg Schreckliches erlebten. Zudem trage die Korruption im Land dazu bei, dass die Menschen kein Vertrauen mehr zu ihrer Regierung und auf eine bessere Zukunft hätten.

Hilfsbedürftige mit Respekt behandeln

Die Teilnehmer der Journalistenreise im Oktober 2015 nach Bosnien und Herzegowina, Daniel Heinrich, Redakteur der Deutschen Welle und des Deutschlandradios, Ralph Delhees, Chefredakteur des Magazins Rhein-Main Online, und Martin Reinkowski, Journalist des Netzwerks Nost in Belgrad, äußerten sich positiv zu den von Islamic Relief vergebenen zinslosen Kleinkrediten. Sie hätten Familien zu einer neuen Existenz verholfen. Heinrich wies darauf hin, dass es in Bosnien nicht um einen Religionskrieg gegangen sei. Jedoch hätten bestimmte Personen Konflikte geschürt, um dadurch Vorteile zu erlangen. So seien zwischen den Ethnien Gräben entstanden, die es vorher nicht gegeben habe. Delhees stellt fest, dass die Bevölkerung in Bosnien desillusioniert sei. Sie fühle sich alleingelassen, da keiner helfe. Um wieder Vertrauen zu schaffen sei es notwendig Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, betonte Reinkowski. Dabei gelte es die Hilfsbedürftigen mit Respekt zu behandeln und dafür Sorge zu tragen, dass die Projekte helfen, die Würde der Menschen wieder aufzubauen.

Islamic Relief Deutschland, 1996 in Köln gegründet, ist eine international tätige Hilfsorganisation. Sie ist Teil eines Netzwerkes von Partner- und Projektbüros in über 40 Ländern. Die Nothilfe- und Entwicklungsprojekte kommen bedürftigen Menschen in Afrika, Asien, Nahost und Osteuropa zugute. Die Gründungsgeschichte von Islamic Relief geht auf das Jahr 1984 zurück und begann mit der Bekämpfung einer Hungersnot am Horn von Afrika. Weitere Informationen unter www.islamicrelief.de

Die Adventistische Entwicklungs- und Katastrophenhilfe ADRA Deutschland wurde 1986 von der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Darmstadt gegründet. Sie ist Mitglied in einem weltweiten Netzwerk mit 140 nationalen Büros. ADRA Deutschland führt Projekte in über 40 Ländern durch. Weitere Informationen unter www.adra.de

Beide Hilfsorganisationen sind Mitglied der „Aktion Deutschland hilft“ und bei „Gemeinsam für Afrika“.

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Der Text kann kostenlos genutzt werden. Veröffentlichung nur mit eindeutiger Quellenangabe „APD“ gestattet!

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