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Weibliche Genitalverstümmelung – ein weltweites Problem

10. September 2015 | Berlin | APD | Kategorie: APD

Zum Thema „Weibliche Genitalverstümmelung – ein globales Problem“ lud am 9. September im Rahmen der Berliner Wirtschaftsgespräche das Krankenhaus „Waldfriede“, eine Einrichtung der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, nach Berlin-Zehlendorf ein. Rein wirtschaftlich betrachtet würde sich ein ganzheitliches Betreuungsangebot für Opfer der weiblichen Genitalverstümmelung nicht lohnen, betonte der Geschäftsführer des Krankenhauses, Bernd Quoß, zu Beginn der Gesprächsrunde. Doch „Waldfriede“ möchte nach den Prinzipien der christlichen Nächstenliebe diesen Frauen helfen.

150 Millionen Frauen und Mädchen betroffen
Weibliche Genitalverstümmelung, englisch „Female Genital Mutilation“ (FGM), sei ein grausames und leider weit verbreitetes Ritual, informierte der Leiter des „Desert Flower Center“ Waldfriede, der Chefarzt und Ärztliche Direktor des Krankenhauses, Professor Dr. med. Roland Scherer, in seinem Impulsvortrag. Alle elf Sekunden werde weltweit ein Mädchen durch die sogenannte rituelle Beschneidung der Genitalien verstümmelt. Jeden Tag teilten 8.000 Mädchen dieses Schicksal. Global seien nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa 150 Millionen Frauen und Mädchen beschnitten. FGM geschehe nicht nur in bestimmten Regionen Afrikas, sondern auch in einigen Ländern Asiens. Durch die Migration käme dieses Problem auch nach Nordamerika, Europa und Australien. Selbst in Deutschland einschließlich Berlin lebten bis zu 50.000 Opfer.

Zehn Prozent der Mädchen sterben
Bei der Genitalverstümmelung würden einem Mädchen im Alter von vier bis zwölf Jahren die Klitoris sowie häufig auch die inneren und äußeren Schamlippen abgeschnitten. Die Beschneidung werde von professionellen Beschneiderinnen, traditionellen Hebammen oder Großmüttern durchgeführt. Diese hätten kaum medizinische Kenntnisse. Die etwa 15 Minuten dauernde Prozedur geschehe ohne Narkose und völlig unhygienisch. Zehn Prozent der Mädchen würden deshalb an den unmittelbaren Folgen und weitere 25 Prozent an langfristigen Komplikationen von FGM sterben. Das sehr alte Ritual gehe auf die Pharaonenzeit in Ägypten zurück und sei schon an Mumien aus dem 17. Jahrhundert v. Chr. nachweisbar.

Ganzheitliche Hilfe im „Desert Flower Center“ Waldfriede
Das „Desert Flower Center“ Waldfriede in Berlin-Zehlendorf wurde am 11. September 2013 als weltweit erste Einrichtung eröffnet, die genitalverstümmelte Frauen ganzheitlich versorgt. Schirmherrin des Centers ist das ehemalige Model Waris Dirie. Seit 2002 setzt sie sich mit ihrer „Desert Flower Foundation“ in Wien für die Rechte afrikanischer Frauen und gegen das Ritual der Beschneidung ein.

Bei den medizinischen Eingriffen gehe es laut Scherer um die Behandlung von Komplikationen nach FGM, wie Vernarbungen, Scheiden-Darm-Fisteln, Scheiden-Blasen-Fisteln, Schließmuskelverletzungen sowie Harn- und Stuhlinkontinenz. Auch die Plastische Wiederherstellungschirurgie zur Rekonstruktion der Klitoris und des äußeren Genitales sei im „Desert Flower Center“ möglich, ebenso eine psychosoziale Betreuung und Beratung. Neben Fachärzten der Bereiche Proktologie und Urogynäkologie des Krankenhauses „Waldfriede“ arbeite im Bereich Plastische Chirurgie Dr. med. Uwe von Frischen, Chefarzt der Klinik für Plastische und Ästhetische Chirurgie, Helios Klinikum Emil von Behring, Berlin, im „Desert Flower Center“ mit. Scherer gab allerdings zu bedenken: „Wir können die Verstümmelungen der Frauen nicht vollständig rückgängig machen, aber wir können ihnen Lebensqualität zurückgeben.“ In den beiden letzten Jahren seien in „Waldfriede“ etwa 70 Frauen operiert worden.

Die ärztliche Koordinatorin im „Desert Flower Center“, die Oberärztin für Chirurgie Dr. med. Cornelia Strunz, berichtete, dass sich von den 81 Frauen, welche seit Eröffnung zu ihrer Sprechstunde kamen, nur etwa die Hälfte operieren ließ. Die meisten seien traumatisiert. Deshalb stünde für sie auf Wunsch auch ein Team mit einer Psychotherapeutin, einer Pädagogin, einer Seelsorgerin sowie Beraterinnen und Dolmetscherinnen bereit. Monatlich treffe sich eine Selbsthilfegruppe.

Ohne Beschneidung eine Außenseiterin
„Wenn du nicht beschnitten bist, bist du keine Frau, sondern ein kleines Mädchen. Kein Mann wird dich heiraten.“ Mit diesen Worten werde in bestimmten Kulturen Druck ausgeübt, betonte die aus Kenia stammende Mitarbeiterin im „Desert Flower Center“, Evelyn Brenda. Sie betreut zudem in Kaijado/Kenia ein Internat, das 170 Mädchen Zuflucht vor Beschneidung und Zwangsheirat sowie eine Schulbildung ermöglicht. Um hier ein Umdenken zu bewirken, müssten alle Familienmitglieder einschließlich der Männer mit einbezogen werden. Wo sich durch schulische Bildung und Aufklärung die Stellung der Frauen verbessere, könne die Genitalverstümmelung zurückgedrängt werden. Sie selbst sei als einzige Frau ihrer Familie von diesem Ritual verschont geblieben, weil ihr Vater es nicht wollte. „Dafür bin ich ihm noch heute unendlich dankbar“, betonte sie. Dennoch gelte sie in der eigenen Verwandtschaft als Außenseiterin.

Andere Afrikanerinnen berichteten, was es für sie bedeute, sich nach der Operation wieder als Frau zu fühlen. Sie wiesen darauf hin, dass FGM eine so tief verwurzelte Tradition sei, dass sie auch in Deutschland praktiziert werde. Dazu kämen sogar Beschneiderinnen aus Afrika, um die Genitalverstümmelung heimlich durchzuführen. Oder das Mädchen werde zu Verwandten in ihr Heimatland geschickt, um dort beschnitten zu werden. Doch das gelte als Tabuthema und darüber würde nicht gesprochen. So sei es kaum denkbar, dass etwa eine Mutter die Beschneiderin bei den Behörden anzeige. Sie würde aus ihrer Familie ausgestoßen und hätte auch keinen Zugang mehr zu ihren Kindern.

Die Politik ist gefordert
Der Bundestagsabgeordnete Karl-Georg Wellmann (CDU), Mitglied des Auswärtigen Ausschusses, sagte: „Man steht dieser Situation fassungslos gegenüber. Ein Kind wird von Deutschland ins Ausland gebracht, um beschnitten zu werden!“ Hier sei die Politik gefordert. Er informierte, dass das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) Strategien gegen Genitalverstümmelungen entwickele. So sollen beispielsweise Organisationen in Afrika finanziell unterstützt werden, die über FGM in den Dörfern aufklärten.

Frank Schwabe, Bundestagsabgeordneter und Menschenrechtspolitischer Sprecher der SPD, wies darauf hin, dass in Deutschland FGM ein Verbrechen sei und bestraft werde. Auch das Kind ins Ausland zur Beschneidung zu schicken sei strafbar.

Strafe allein werde aber das nicht Problem lösen, gab die Staatsekretärin für Integration und Frauen des Landes Berlin, Barbara Loth (SPD), zu bedenken. Zwar sollten Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, bereits in den Flüchtlingsheimen darüber informiert werden, dass sie sich strafbar machen, wenn sie weiterhin FGM praktizieren, doch gehöre mehr dazu, um eine jahrtausendalte Tradition zu überwinden. Es sei hierbei sehr viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu leisten waren sich die Politiker einig.

„Waldfriede“ mit umfangreichem Angebot
Das 160-Betten Krankenhaus „Waldfriede“ in Berlin-Zehlendorf ist akademisches Lehrkrankenhaus der Charité-Universitätsmedizin Berlin und behandelt jährlich etwa 13.000 Patienten stationär und 48.000 ambulant. Neben elf Fachabteilungen gehört zu „Waldfriede“ ein ambulanter häuslicher Pflegedienst (Sozialstation), eine Kurzzeitpflege, die Akademie für Gesundheits- und Krankenpflege, das Projekt „Babywiege“ (Babyklappe) für Mütter in Not sowie eine Kindertagesstätte. Schon 1993 entstand das Gesundheitszentrum „PrimaVita“ mit präventiv-medizinischem und gesundheitsförderndem Auftrag als erste krankenhauseigene Einrichtung ihrer Art in Deutschland. Das Krankenhaus ist unter anderem Mitglied im Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz sowie Teil des weltweiten „Adventist Health System“ der Siebenten-Tags-Adventisten. Weitere Informationen unter www.waldfriede.de

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