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Fünf Jahre Desert Flower Center im Krankenhaus Waldfriede

Fünf Jahre Desert Flower Center im Krankenhaus Waldfriede

Dr. Cornelia Strunz, Waris Dirie, Dr. Roland Scherer, Dr. Uwe von Fritschen (v.l.)

© Foto: Dr. C. Strunz/Krankenhaus Waldfriede

25. Juni 2018 | Berlin | APD | Kategorie: APD

Mehr als 350 Frauen wurden inzwischen in dem von Waris Dirie 2013 initiierten Desert Flower Center im adventistischen Krankenhaus „Waldfriede“ in Berlin-Zehlendorf zur ganzheitlichen Behandlung von genitalverstümmelten Frauen (Female Genital Mutilation − FGM) medizinisch betreut. Am 21. Juni sprach Waris Dirie im Rahmen des vom Krankenhaus Waldfriede durchgeführten sechsten internationalen Koloproktologen-Kongresses vor 300 Ärzten. In ihrer Rede forderte sie, dass mehr Desert Flower Center in der ganzen Welt etabliert werden müssten. Laut UN-Statistiken seien weltweit über 250 Millionen Frauen von dieser grausamen Prozedur betroffen.

Der Name „Desert-Flower Center“ geht auf das Wirken des ehemaligen Topmodels und der früheren UN-Sonderbotschafterin Waris Dirie (53) zurück, die durch ihre Biografie „Wüstenblume“ (englisch: Desert Flower) und den gleichnamigen Film weit bekannt wurde. Darin schildert die gebürtige Somalierin, die selbst mit fünf Jahren Opfer von FGM wurde, ihren Leidens- und Lebensweg. Waris Dirie eröffnete am 11. September 2013 das Berliner Zentrum und übernahm auch die Schirmherrschaft. Damit ist „Waldfriede“ Kooperationskrankenhaus der von ihr 2002 gegründeten „Desert Flower Foundation“, Wien, und weltweit die erste Einrichtung, die Opfer von Genitalverstümmelung ganzheitlich betreut.

Auch in Deutschland Opfer mit Genitalverstümmelung
Laut der Menschenrechtsorganisation für Frauen TERRE DES FEMMES, mit Sitz in Berlin, leben in der Europäischen Union rund 500.000 von weiblicher Genitalverstümmelung betroffene sowie 180.000 gefährdete Mädchen und Frauen. Nach Angaben des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wird FGM vorwiegend in 29 Ländern Afrikas und in wenigen arabischen und asiatischen Staaten, aber auch innerhalb von Migrantengemeinden in Europa oder Nordamerika praktiziert. Selbst in Deutschland gebe es 50.000 Opfer mit Genitalverstümmelung.

Lebensqualität zurückgeben
Das Desert Flower Center Waldfriede (DFC) gehört zum Zentrum für Darm- und Beckenbodenchirurgie am Krankenhaus Waldfriede. Es wird von Chefarzt Dr. Roland Scherer, Professor für Koloproktologie, geleitet. Frauen mit FGM erhalten am DFC medizinische Hilfe und psychosoziale Betreuung. Professor Scherer und sein Team behandeln im DFC Waldfriede die Folgen weiblicher Genitalverstümmelung wie chronische Beschwerden und Schmerzen. Das sind insbesondere Vernarbungen, Scheiden-Darm-Fisteln, Scheiden-Blasen-Fisteln, Schließmuskelverletzungen sowie Harn- und Stuhlinkontinenz. Auch die Plastische Wiederherstellungschirurgie zur Rekonstruktion der Klitoris und des äußeren Genitales sei im Desert Flower Center möglich, ebenso eine psychosoziale Betreuung und Beratung. Scherer gab allerdings zu bedenken: „Wir können die Verstümmelungen der Frauen nicht vollständig rückgängig machen, aber wir können ihnen Lebensqualität zurückgeben.“ Auch wirkten die Operationen Gefahren entgegen, die den Frauen bei einer Schwangerschaft und Geburt nach einer FGM drohten.

Kostenfreie Behandlung
„Alle Operationen, die bei uns durchgeführt werden, sind medizinisch begründete Operationen, werden also bei in Deutschland versicherten Patientinnen von der Krankenkasse oder gegebenenfalls vom Sozialamt übernommen. Es handelt sich schließlich nicht um kosmetische Korrekturen oder gar um eine Schönheitsoperationen“, betonte Kooperationspartner Dr. Uwe von Fritschen, Chefarzt der Klinik für Plastische und Ästhetische Chirurgie im HELIOS Klinikum Emil von Behring, Berlin. Für Frauen, die direkt aus dem Ausland ins DFC nach Berlin-Zehlendorf kämen, keine Krankenversicherung hätten oder deren Krankenversicherung aus verschiedenen Gründen nicht für die Behandlung aufkomme, übernehme der Förderverein Krankenhaus Waldfriede e.V. die Kosten.

FGM-Opfer meist traumatisiert
Die ärztliche Koordinatorin im Desert Flower Center, die Oberärztin für Chirurgie Dr. Cornelia Strunz, berichtete, dass die meisten Frauen, welche zu ihrer Sprechstunde kämen, traumatisiert seien. Deshalb erhielten die Frauen auf Wunsch psychosoziale Beratung und Beistand vor, während oder nach der Behandlung. Nina Zahn, Pädagogin im Sozialdienst des Krankenhauses Waldfriede kümmere sich um soziale Belange der Frauen. Wichtige Gesprächspartnerinnen für die Frauen seien Evelyn Brenda (Kenia) und Farhia Mohamed (Somalia). Beide stammten aus Ländern, in denen FGM praktiziert werde. Sie hätten sehr viel Erfahrung und verstünden aufgrund ihrer Wurzeln die Perspektive der Frauen. Sie arbeiteten ebenso als Dolmetscherinnen in dem Team und ermöglichten die erfolgreiche Kommunikation untereinander und miteinander. „Es ist wichtig, dass wir den Kontakt zu den Frauen auch nach der Behandlung im DFC halten. Ich möchte wissen, wie es den Frauen geht, auch Jahre später noch“, so die Oberärztin.

Seit Januar 2015 gebe es im Desert Flower Center Waldfriede auch eine Selbsthilfegruppe, die sich einmal pro Monat treffe, informierte Cornelia Strunz. In Gruppengesprächen mit Übersetzerin und Therapeutin tauschten die Frauen ihre Erfahrungen aus und unterstützten sich gegenseitig bei der Bewältigung von Problemen. Unter der Anleitung der Physiotherapeutin Nicole Dittwald fänden unterschiedliche Formen von physiotherapeutischer Körperarbeit statt.

Louise-Schroeder-Medaille für Krankenhaus Waldfriede
Für die Arbeit im Desert Flower Center erhielt das Krankenhaus Waldfriede die Louise-Schroeder-Medaille 2016 verliehen. In der Ehrungsurkunde wurde vor allem die ganzheitliche Betrachtung der Frauengesundheit im DFC Waldfriede hervorgehoben, die gerade in einer Stadt wie Berlin – mit hohem Migrationsanteil in der Bevölkerung – große Anerkennung und Unterstützung verdiene. So könne nicht nur den betroffenen und zutiefst traumatisierten Frauen geholfen, sondern auch zur Aufklärung über das grausame Ritual der weiblichen Genitalverstümmelung beigetragen werden. Die Louise-Schroeder-Medaille gilt als höchste Auszeichnung der Stadt Berlin und wird seit 1998 jährlich auf Vorschlag des Kuratoriums „Louise-Schroeder-Medaille“ durch den Präsidenten des Abgeordnetenhauses Berlin an eine Persönlichkeit oder Institution verliehen, die in besonderer Weise dem politischen und persönlichen Vermächtnis von Louise Schröder (1887 – 1957) Rechnung trägt. Sie engagierte sich zeitlebens stark im sozialen Bereich und setzte sich für die Gleichstellung von Frauen ein.

„Waldfriede“ mit umfangreichem Angebot
Das 1920 gegründete 160-Betten Krankenhaus Waldfriede in Berlin-Zehlendorf ist eine Einrichtung der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten. In dem akademischen Lehrkrankenhaus der Charité-Universitätsmedizin Berlin werden jährlich etwa 13.500 Patienten stationär und 58.000 ambulant behandelt. Neben elf Fachabteilungen gehört zu „Waldfriede“ ein ambulanter häuslicher Pflegedienst (Sozialstation), eine Kurzzeitpflege, die Akademie für Gesundheits- und Krankenpflege, das Projekt „Babywiege“ (Babyklappe) für Mütter in Not sowie eine Kindertagesstätte. Schon 1993 entstand das Gesundheitszentrum „PrimaVita“ mit präventiv-medizinischem und gesundheits-förderndem Auftrag als erste krankenhauseigene Einrichtung ihrer Art in Deutschland. Es verfügt seit dem Jahr 2008 zusätzlich zu den Sporträumen über ein Schwimmbad am Teltower Damm in Berlin-Zehlendorf. Insgesamt würden pro Jahr 5.000 Interessenten an den Kursen und Dauergruppen des „PrimaVita“ teilnehmen. Das Zentrum bietet seit 2010 auch einen „Medical Check Up“ an.

Im Januar 2012 folgte die Übernahme der „Privatklinik Nikolassee“ in der Von-Luck-Straße. Die Villa hat Platz für 16 Patienten mit internistischen, psychosomatischen und psychischen Erkrankungen. Im Mai 2017 übernahm das Gesundheitsnetzwerk Waldfriede das Seniorenhaus „Arche“ (jetzt „Seniorenhaus Waldfriede“) in der Adolfstraße in Berlin-Zehlendorf. Die im Jahr 2007 gegründete Einrichtung verfügt über ein 5.300 Quadratmeter großes Grundstück und beschäftigt 60 Mitarbeitende, die sich um 84 Bewohner in 70 Einzel- und sieben Doppelzimmern kümmern. Im Juni 2017 wurde die „Tagesklinik Waldfriede“ am Botanischen Garten eröffnet. Die Einrichtung wendet sich mit ihrem teilstationären Angebot an Menschen mit psychiatrisch-psychosomatischen Erkrankungen, wie Depressionen, Ängsten, Zwängen und Suchtfolgestörungen. Laut Geschäftsführer Bernd Quoß sei das Netzwerk Waldfriede mittlerweile der vielfältigste Medizin- und Pflegeanbieter im Berliner Südwesten und mit rund 950 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber im Bezirk Steglitz-Zehlendorf.

Das Krankenhaus Waldfriede ist unter anderem Mitglied im Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz sowie Teil des weltweiten „Adventist Health System“ der Siebenten-Tags-Adventisten. Weitere Informationen unter: www.krankenhaus-waldfriede.de

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Der Text kann kostenlos genutzt werden. Veröffentlichung nur mit eindeutiger Quellenangabe „APD“ gestattet

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